Wilhelm
W E Y E R

Buch

Ursula Blanchebarbe

SIEGEN LEBT

Eine Stadt im Wiederaufbau

Fotografische Dokumentation von Dr. Wilhelm Weyer
Sommer 1951 und Sommer 1952

 

 Wartberg Verlag, 2000

siehe auch:

Das Siegerlandmuseum im Oberen Schloss verfügt über eine umfangreiche lokalgeschichtliche Fotosammlung, die bisher nur in Ausschnitten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Wiederholt wurden kleine Teile der Sammlung des Privatgelehrten Paul Fickeler (1893–1959) oder des Bestandes von Peter Weller (1868–1940) publiziert oder in Ausstellungen integriert. Erst jetzt ist es möglich geworden, eine ungewöhnliche Sammlung von 32 schwarz-weiß Filmen auszugraben. Fotograf war Dr. Wilhelm Weyer, der in den Sommermonaten der Jahre 1951 und 1952 Streifzüge durch die Stadt Siegen unternahm und die "Stadt unter dem Krönchen" im Wiederaufbau dokumentierte. Er benutzte eine Kamera, die noch heute in Gebrauch ist. Ob er selbst oder der damalige Museumsleiter, Dr. Wilhelm Güthling, die Idee zur Dokumentation hatte, war nicht mehr nachzuvollziehen. Die zahlreichen, sorgfältig beschrifteten Fotos mit einem Abstand von fast 50 Jahren zu betrachten und mit Zeitungsartikeln der lokalen Presse aus genau diesen Jahren zu konfrontieren, erwies sich als ein ebenso spannendes wie interessantes Unterfangen, das nicht nur den Siegener faszinieren dürfte, sondern all jene in ihren Bann ziehen kann, die den Wiederaufbau einer Stadt nach der Währungsreform 1949 aus neutralem Blickwinkel nachvollziehen wollen. Die Auswahl aus dem Bestand von insgesamt über 800 Fotografien zu fällen, ist denkbar schwer gefallen.

Wilhelm Weyer wurde am 15. Januar 1891 in Dreis-Tiefenbach geboren. Er stammte aus einer alten Siegerländer Familie, studierte an der Universität Marburg die Fächer Germanistik, Geschichte und Religion. Schon in seiner Dissertation befasste er sich mit einem Wittgensteiner Geschichtsthema. [1] Als Studienrat wusste er seine Schüler dann immer wieder durch lokalgeschichtliche Forschungen zu begeistern. "Er hat mir mehr vermittelt als bloßes Sachwissen; er ist auch nach der Schulzeit der Lehrer geblieben, dessen tiefe religiöse Bindung und dessen unbestechliche Fragen nach der Wahrheit mir vorbildlich waren." [2] Die Kriegsjahre zwangen Dr. Weyer, das Siegerland zu verlassen. Er unterrichtete in Homberg/Kassel, Laasphe und Sprottau/Niederschlesien sowie in Wassermungenau und Schwabach (Mittelfranken). Seine letzte Lehrtätigkeit war am Städtischen Gymnasium in Siegen [3]. Zwischen 1946 und 1949 war er außerdem Leiter des Stadtarchivs, der städtischen Büchereien und des Museums in Siegen. In diesen Jahren wohnte er mit seiner Familie im Dachgeschoss des Oberen Schlosses. Auch später setzte er sich immer wieder für die Belange des Siegerlandmuseums ein, als er in den Jahren 1953 bis 1959 als geschäftsführendes Mitglied des Vereins der Freunde und Förderer des Siegerlandmuseums tätig war. In diesen Jahren betreute er den zum großen Teil auch von ihm bearbeiteten "Museumskalender", der einzelne ausgewählte Exponate des Museums abbildet und beschreibt. Die Mitarbeit am Kalender setzte er auch nach dem Eintritt in den Ruhestand 1956 fort.

Wilhelm Weyers Vorliebe galt der Siegerländer Geschichte. Schon 1924 veröffentlichte er einen grundlegenden Beitrag über Jakob Heinrich Schmick und die mundartliche Dichtung des Siegerlandes [4], erschienen in der Festschrift "Siegen und das Siegerland". Kontakte zu knüpfen, fiel dem Ursiegerländer, der als "Onkel Wilhelm" so manchem bekannt war, nie schwer. Seine Geschichte der weitverzweigten Familie Flender [5], 1961 erschienen, wurde Vorbild für so manche Siegerländer Familiengeschichte. 1967 folgte die umfangreiche Geschichte des Netpherlandes [6], die er nach Vorarbeiten von Dr. Hermann Böttger in Zusammenarbeit mit Alfred Lück publizierte.

Seine letzten Lebensjahre wollte Dr. Weyer aus gesundheitlichen Gründen in Utting am Ammersee, der Heimat seiner Ehefrau, verbringen, wo er sich weiterhin intensiv mit heimatgeschichtlichen und theologischen Fragen auseinander setzte. Ein Schlaganfall im Jahre 1964 machte die Übersiedlung in ein Berliner Altersheim notwendig. Er starb am 28. Februar 1971 [7] und wurde in Dreis-Tiefenbach beigesetzt.

[1] Weyer, Wilhelm. Die Anfänge des preussischen Haus- und Polizeiministers Fürsten Wilhelm Ludwig Georg zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein 1770–1806. Herausgegeben vom Verein für Heimatkunde und Heimatschutz im Siegerland, Marburg 1927.
[2] Siegerländer Heimatkalender. Herausgegeben vom Siegerländer Heimatverein, 47. Jahrgang 1972, S. 46ff.
[3] Weyer, Wilhelm. Aus der Geschichte des Städtischen Gymnasiums Siegen. Verein der ehemaligen Schüler des Städtischen Gymnasiums Siegen, Mitteilungsblatt 3. Siegen Weihnachten 1955.
[4] Die Rimcher uß d’m Seejerland (von Jakob Heinrich Schmick). In: Siegen und das Siegerland 1224-1924, Festschrift 1924, S. 64ff.
[5] Weyer, Wilhelm. Geschichte der Familie Flender. Band II: Von der Zeit des dreissigjährigen Kriegs bis zur Gegenwart, Bocholt 1961.
[6] Weyer, Wilhelm; Böttger, Hermann und Lück, Alfred. Geschichte des Netpherlandes, Netphen: Amt Netphen 1967. Siehe auch: Weyer, Wilhelm. Leben und Gebräuche im Netpherland um 1900. Siegerländer Beiträge zur Geschichte und Landeskunde, Heft 11, Siegen: Siegerländer Heimatverein 1963.
[7] Skizzen seines Lebens finden sich in: Lück, Alfred. 75 Jahre Siegerlandmuseum im Oberen Schloss zu Siegen, in: Siegerland. Blätter des Siegerländer Heimatvereins e.V. Band 58, Heft 1-2 1981, S. 15f., Als Heimatforscher und Pädagoge große Verdienste erworben, in: Siegener Zeitung Nr. 12, 149. Jahrgang, 15. Januar 1971.

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